Interview mit Referenten
1) Guten Tag Herr Simons. Sie geben auf der Pre-Konferenz des Social Media FORUMs 2009 einen Überblick zu RegioWiki-Strategien in deutschen Verlagen. Können Sie diesen Vortrag in drei Schlagwörtern zusammenfassen?
Um einer möglichen Begriffsverwirrung vorzubeugen, möchte ich zunächst kurz darstellen, was den Kern des „Wiki-Way“ ausmacht, den inzwischen eine ganze Reihe von Regionalverlagen im deutschsprachige Raum beschritten hat. Im Rahmen einer Bestandsaufnahme gibt’s dann einen Quer- und einen Längsschnitt durch die aktuelle Regionalwiki-Landschaft. Anschließend soll es in Kurzform um Argumente gehen, die dafür sprechen, dass Regionalverlage das Phänomen Stadt- und Regionalwiki nicht länger ignorieren sollten. Mit einer Hand voll Thesen, Prognosen, Erfolgsfaktoren und Empfehlungen möchte ich schließen.
2) Was ist der Gegenstand von Regio-Wikis?
Das Wiki ist ein neuartiges und mächtiges Werkzeug für die webbasierte kollektive Wissensarbeit. Wikis können persönlich, vereins-, verbands-, behörden- und betriebsintern sowie im öffentlichen Internet eingesetzt werden - mit ganz unterschiedlichen Zielen und in ganz unterschiedlichen Kontexten. Vorreiter wie IBM und SAP haben bereits vor Jahren begonnen, die Potenziale von Wikis und anderen Web 2.0-Applikationen für Wissensmanagement und Zusammenarbeit zu erschließen. Inzwischen nutzen nicht nur „Unternehmen“ wie die amerikanischen Geheimdienste diese neue Generation von Werkzeugen, sondern auch immer mehr mittelständische Betriebe.
Ein Wiki eignet sich hervorragend dazu, ein kollektives Langzeitgedächtnis für eine Stadt oder Region aufzubauen. Wikis ermöglichen regionalen Medienunternehmen, was mit vertretbarem Aufwand bisher unmöglich war: Sie erlauben die dynamische Inventarisierung von Städten und Regionen mit ökonomisch vertretbarem Aufwand und unter Einbeziehung kollektiver Nutzerressourcen. Gemeinsames Ziel der immer größer werdenden Zahl der Stadt- und Regionalwikis ist dabei – ausgesprochen oder nicht – den Erfolg der Wikipedia dort zu wiederholen, wo die Menschen tatsächlich leben, nämlich im Regionalen und Lokalen.
3) Wo stehen wir beim Thema Regio-Wikis in Deutschland – im Vergleich zu anderen Ländern?
Was Zahl und Größe der Wikis betrifft, stehen wir, global gesehen, sicherlich noch am Anfang - wobei Deutschland immerhin in Führung liegt. Das – von einer freien Initiative initiierte und betreute – Stadtwiki Karlsruhe ist das mit deutlichem Abstand größte Wiki der Welt. Und nur in Deutschland gibt es Regionalwikis, die von Kommunen initiiert wurden und betreut werden.
4) Das Thema Regio-Wikis wird ja in Deutschland sowohl von kommunalen Initiativen als auch von lokalen Medienhäusern vorangetrieben. Welchen Vorteil bieten die Regio-Wikis für Verlage – und: können sie sich langfristig durchsetzen?
Was das Engagement bei Auf- und Ausbau von Regionalwikis und was das Verständnis von Wesen und „Natur“ dieses neuen Mediums betrifft, liegt die Führung nicht bei den Regionalverlagen. Meiner Beobachtung nach werden die meisten Zeitungswikis eher halbherzig und wenig konsequent betrieben. Dabei verfügen die Regionalverlage mit ihrer Zeitungen und ihren Internet-Präsenzen im Vergleich zu ihren Mitbewerbern über die weitaus besten Startbedingungen.
Ich sehe eine Reihe von Gründen, die dafür sprechen, dass sich Regionalverlage mit dem Medium Regionalwiki versuchen sollten:
- Wikis werden von Google und anderen Suchmaschinen aus guten Gründen hoch bewertet. Das ist ein Grund dafür, dass Regionalwikis rasch auf hohe Zugriffszahlen kommen. Das macht sie auch als Werbemedium interessant.
- Regionalwikis sind eine kostengünstige und effektive Möglichkeit, Kontakt zu bislang kaum erreichbaren jungen Lesern aufzubauen.
- Internet-Nutzer und Zeitungsleser erwarten heute mehr Interaktivität als früher. Diesen Wunsch können Verlage mit Wikis bedienen.
- Wikis sind eine hervorragende Ergänzung zum Volltext-Archiv einer Zeitung und diesem in vieler Hinsicht überlegen.
- Ein Regionalverlag hat dank eines Regionalwikis die Chance, sich als wichtige regionale Größe auch im Internet zu qualifizieren.
- Ein Regionalwiki gibt einem Regionalverlag die Chance, Hüter des zentralen Zugangs zum regionalen Wissen zu werden.
- Regionale Zeitungswikis, sinnvoll mit der Internet-Präsenz der Zeitung verzahnt, können die Attraktivität der Internet-Präsenz spürbar erhöhen.
- Modelle zur interaktiven Wertschöpfung spielen inzwischen in vielen Branchen eine wichtige Rolle. Regionalwikis bieten nun auch Regionalverlagen die Möglichkeit, interaktive Wertschöpfung zu betreiben, um kollektive Ressourcen ihrer Nutzer für ihre Wertschöpfung zu nutzen.
- Regionalwikis verhelfen Lokalredaktionen zu mehr Arbeitseffizienz und Produktqualität - und sie erlauben neue Services.
- Regionale Spartenblogs wie z.B. das Westropolis-Kulturblog der WAZ ermöglichen im Zusammenspiel mit Regionalwikis einen bislang nicht möglichen knappen und dichten Journalismus und sie bieten Leser die Möglichkeit, aktuelle Themen nach individuellen Bedürfnissen und Wünschen zu vertiefen.
Ob sich Regionalverlage langfristig durchsetzen oder ob sie das Feld freien Initiativen und Kommunen überlassen, das hängt auch davon ab, ob sie bereit sind, aus den Erfahrungen zu lernen, die der Brockhaus-Verlag mit der Wikipedia gemacht hat.
5) Welche Entwicklungen sehen Sie für 2009 in diesem Bereich?
In regionalen Medienunternehmen greift langsam die Einsicht um sich, dass Regionalwikis mehr sind als eine Modeerscheinung oder ein Gimmick. Sie sind vielmehr eine große Option, die man nicht leichtfertig ausschlagen sollte. Ich wage die Prognose, dass sich im Jahr 2009 weitere Verlage dazu entscheiden, Regionalwikis zu eröffnen. Und ich vermute, dass einige Verlage, die sich zu diesem Schritt bereits entschieden haben, ihr Wiki-Engagement forcieren.



